Slawen in Hamburg – Herrscher, Sklaven, Mitbürger?

In den 1950er Jahren veröffentlichte der damalige Hamburger Bodendenkmalpfleger Reinhard Schindler slawische und slawisch erscheinende Keramik aus frühmittelalterlichen Fundschichten der Hamburger Innenstadt. Er konnte sie aufgrund stratigrafischer Beobachtungen und einer Verknüpfung mit neuen geschichtswissenschaftlichen Forschungen in die Jahre 804-817 datieren. In dieser Zeit, so glaubte man, hätten Obodriten von Mecklenburg ausgehend ganz oder wenigstens große Teile von Schleswig-Holstein in Besitz genommen, und zwar auf Geheiß Karls des Großen. Die Obodriten (ein elbslawischer Stamm/politisch-gesellschaftlicher Verbund)  hätten sich daraufhin an strategisch wichtigen Punkten eingerichtet, um ihre Herrschaft über die nordelbischen Sachsen auszuüben. Die Sachsen selbst seien durch gezielte Deportationen seitens der Franken zuvor um ihre führende Elite gebracht worden. Doch recht bald wurde diese Maßnahme seitens der Franken zurückgenommen und aus den slawischen Bündnispartnern wurden Gegner. Inzwischen wird bezweifelt, ob sich eine solche slawische Oberherrschaft je mittels eigener Siedlungen etablieren konnte, oder den in Ostholstein und Mecklenburg lebenden Obodriten nicht viel eher das Recht von den Sachsen Tributzahlungen zu fordern eingeräumt worden ist. Die Scherben aus Hamburg werden heute zudem jünger datiert und einerseits mit Slawen, die freiwillig (vielleicht auch manchmal unfreiwillig) nach Hamburg kamen andererseits aber die slawisch anmutende lokale Keramik als eine Art Modeerscheinung eingeordnet. Im ganzen westlichen Ostseeraum wurden im 11. Jahrhundert mit Wellen und Furchen verzierte Gefäße verwendet, die „slawisch“ aussehen und auch als Ostseeware von der Forschung bezeichnet werden.  Schade eigentlich, im Falle einer längeren regelrechten obodritischen Herrschaft hätten Hamburg heute vielleicht statt einem -burg ein -grod oder -gard im Namen. Mehr zum Thema in: R.-M. Weiss/A. Klammt (Hrsg.), Mythos Hammaburg. Neue Entdeckungen zur Frühgeschichte Hamburgs (Harburg 2014). Nachdruck im Wachholtz Vlg.

Slawen und Skandinavier

Skandinavische Kultur im mittelalterlichen Polen, das ist ein seit über 150 Jahren kontrovers diskutiertes Thema. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie denn skandinavische und skandinavisch-geprägte Handelsplätze (z. B. Truso und Wolin), Kammergräber in Pień und Abziehsteine aus Phyllit in Santok zu beurteilen sind. Und dies führt direkt hinein in die Diskussion um den Anteil den Skanidnavier an der Bildung des Piastenstaates und dem späteren Herzogtum Pommern hatten.

2011 fand hierzu eine Fachtagung in Wrocław/Breslau statt, deren Vorträge in dem Band „Scandinavian Culture in medieval Poland. Interdisciplinary Medieval Studies 2“ herausgegeben von Sławomir Moździoch 2013 veröffentlicht wurden.
Glücklicherweise und dem Thema angemessen, sind alle Beiträge in englisch gehalten. Sie bieten nicht nur einen guten Überblick zu vielen neuen Funden, sondern kommen zu durchaus unterschiedlichen Ergebnissen.
Es herrscht keine Einigkeit darüber, ob bestimmte Kammergräber „skandinavisch“ sind und von Skandinaviern für Skandinavier angelegt wurden, oder es sich nicht viel eher um eine elitäre Mode gehandelt hat. Was zur Frage nach dem Spannungsverhältnis von Ethos und Ethnos überleitet, die Jerzy Sikora im Band aufgreift. Deutlich wird zudem, wie sich der skandinavische Einfluss räumlich und zeitlich gliedern lässt, wodurch verschiedene Ausgangsorte und Ziele erkennbar werden. Sie reichen von den dänisch dominierten Küstenplätzen des 8./9. Jh. über schwedische Gefolgschaften bis hin zu Handelsbeziehungen mit der Rus, wie Błażej Stanisławski im Vorwort erläutert, das auf die Diskussion in der polnischen Forschung fokussiert, wie auch der Band mit Ausnahme von Felix Biermann ausschließlich polnische Forscher/innen versammelt. Eine Tatsache, die ohne Kenntnis der Förderstrukturen und Hintergründe nicht weiter zu beurteilen ist. Insgesamt ein interessanter Tagungsband, bei dem allein die gelegentlich sehr schlechte Abbildungsqualität zu bemängeln ist.

Teer für Spandau? 55 Grubenmeiler zur Teererzeugung

Bereits 2012 ist in den Materialien zur Archäologie in Brandenburg ein Band mit Beiträgen zu den ergebnisreichen Ausgrabungen in Dallgow erschienen. Mitten im Havelland gelegen befindet sich der Fundplatz 15 heute unterhalb eines wichtigen Verkehrsknotenpunktes und vor gut 1000 Jahren inmitten einer bemerkenswert dichten Siedlungslandschaft (zuletzt von Donat Wehner bearbeitet). Mit ihr verbindet sich das Gebiet der Heveller und späteren Stodoranen, deren Geschicke sich über vergleichsweise zahlreiche Nennungen in den Chroniken skizzieren lassen. Genannt werden darin außer Personen vornehmlich Burgen, denn auf ihnen traf man sich, in friedlichen oder in kriegerischen Absichten. Burgen standen auch lange Zeit im Mittelpunkt der archäologischen Erforschung und hier ist es insbesondere die Burg Spandau von der eine große Anzahl von Ergebnissen vorliegt, die nun in neuerer Zeit einer intensiven Revision von Uwe Michas unterzogen wurden.

Seit einiger Zeit kann nun zudem untersucht werden, inwieweit die umliegenden unbefestigten Siedlungen wirtschaftlich mit den Burgen verknüpft waren. Es geht dabei um die Frage, ob etwa regelhafte Abgaben erbracht wurden, oder ob die Siedlungen vielleicht ganz im Besitz der burggesessenen Elite standen, also Burg und Siedlung eine wirtschaftliche Einheit ohne Trennung bildete. Diese Frage ist von fundamentaler Bedeutung für das Verständnis der damaligen Lebenswelt und der politischen wie wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten der slawischen Verbände. Die Ausgrabungen in Dallgow haben hierzu ein Mosaikstein geliefert, der uns noch lange beschäftigen wird. Freigelegt wurden dort Mitte der 1990er Jahre 55 Meilergruben zur Herstellung von Holzteer, die sich überzeugend einer mittel- bis jungslawischen (spätes 10. – frühes 11. Jh.) Siedlung zuordnen lassen. Von ihr sind überwiegend einfache Siedlungsgruben freigelegt worden, zusätzlich aber auch zwei rechteckige Hausgruben, wie sie u. a von der Siedlung Dyrotz (vorgelegt von Heike Kennecke) bekannt sind. Diese einfache Siedlung zog sich entlang einer Niederung.

Direkt an sie angeschlossen befanden sich die Meilergruben zur Teererzeugung. Hierbei war ihre geballte Lage auffallend, bei der aber trotzdem keine Grube die andere störte. Dies wird als Kennzeichen einer Anlage aller Gruben innerhalb weniger Jahre gedeutet. Die Meiler gehören alle dem etwas progressiveren Typus an, bei dem am Grund einer trichterförmigen Grube, in der das zu verschwelende Material (Kiefernholz oder Birkenrinde) enggepackt und entzündet wurde, während das freigesetzte Pech am Grund der Grube in einem Gefäß aufgefangen wurde. Seit einigen Jahren werden derartige Meiler gelegentlich bei Siedlungsgrabungen entdeckt und oft sind sie in das 10. bis 12. Jh. zu datieren. Immer mal wieder werden auch gleich mehrere beieinander entdeckt, eine Ballung wie die in Dallgow ist jedoch (bislang) einmalig. Felix Biermann und Studierende der Humboldt-Universität, die zusammen die Auswertung des Platzes vorgenommen haben, fragen daher, ob nicht hier in Dallgow für einige Jahre Teer im Auftrag der Burgherren von Spandau produziert wurde. Abgerundet wird die solide Vorlage der Funde und Befunde durch ein weiteres Lebensbild von Ottilie Blum, das die Brücke von der nüchternen Schilderung in den damaligen von körperlicher Arbeit bestimmten Alltag schlägt.

Unbedingt zu erwähnen ist noch, dass auf dem Fundplatz zudem interessante Besiedlungsspuren der Eisen- bis Völkerwanderungszeit ausgegraben wurden, zudem aber auch Siedlungsspuren einer randlich zum Dorf gelegenen hoch – bis spätmittelalterlichen Siedlungsstelle (vielleicht eine Kossätenstelle?). Letzteres ist eine wichtige Ergänzung des gerade in Brandenburg bereits sehr weit fortgeschrittenen Kenntnisstand zum mittelalterlichen Dorf. Auch wenn der Band von der Aufmachung puristisch ist – keine Farbabbildungen, mäßige Druckqualität –, bietet er anregendes Material, für die weitere Untersuchung.

Felix Biermann (Hrsg.), Dallgow im Havelland. Materialien zur Archäologie in Brandenburg 7 (Rahden/Westfalen 2012).