Teer für Spandau? 55 Grubenmeiler zur Teererzeugung

Bereits 2012 ist in den Materialien zur Archäologie in Brandenburg ein Band mit Beiträgen zu den ergebnisreichen Ausgrabungen in Dallgow erschienen. Mitten im Havelland gelegen befindet sich der Fundplatz 15 heute unterhalb eines wichtigen Verkehrsknotenpunktes und vor gut 1000 Jahren inmitten einer bemerkenswert dichten Siedlungslandschaft (zuletzt von Donat Wehner bearbeitet). Mit ihr verbindet sich das Gebiet der Heveller und späteren Stodoranen, deren Geschicke sich über vergleichsweise zahlreiche Nennungen in den Chroniken skizzieren lassen. Genannt werden darin außer Personen vornehmlich Burgen, denn auf ihnen traf man sich, in friedlichen oder in kriegerischen Absichten. Burgen standen auch lange Zeit im Mittelpunkt der archäologischen Erforschung und hier ist es insbesondere die Burg Spandau von der eine große Anzahl von Ergebnissen vorliegt, die nun in neuerer Zeit einer intensiven Revision von Uwe Michas unterzogen wurden.

Seit einiger Zeit kann nun zudem untersucht werden, inwieweit die umliegenden unbefestigten Siedlungen wirtschaftlich mit den Burgen verknüpft waren. Es geht dabei um die Frage, ob etwa regelhafte Abgaben erbracht wurden, oder ob die Siedlungen vielleicht ganz im Besitz der burggesessenen Elite standen, also Burg und Siedlung eine wirtschaftliche Einheit ohne Trennung bildete. Diese Frage ist von fundamentaler Bedeutung für das Verständnis der damaligen Lebenswelt und der politischen wie wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten der slawischen Verbände. Die Ausgrabungen in Dallgow haben hierzu ein Mosaikstein geliefert, der uns noch lange beschäftigen wird. Freigelegt wurden dort Mitte der 1990er Jahre 55 Meilergruben zur Herstellung von Holzteer, die sich überzeugend einer mittel- bis jungslawischen (spätes 10. – frühes 11. Jh.) Siedlung zuordnen lassen. Von ihr sind überwiegend einfache Siedlungsgruben freigelegt worden, zusätzlich aber auch zwei rechteckige Hausgruben, wie sie u. a von der Siedlung Dyrotz (vorgelegt von Heike Kennecke) bekannt sind. Diese einfache Siedlung zog sich entlang einer Niederung.

Direkt an sie angeschlossen befanden sich die Meilergruben zur Teererzeugung. Hierbei war ihre geballte Lage auffallend, bei der aber trotzdem keine Grube die andere störte. Dies wird als Kennzeichen einer Anlage aller Gruben innerhalb weniger Jahre gedeutet. Die Meiler gehören alle dem etwas progressiveren Typus an, bei dem am Grund einer trichterförmigen Grube, in der das zu verschwelende Material (Kiefernholz oder Birkenrinde) enggepackt und entzündet wurde, während das freigesetzte Pech am Grund der Grube in einem Gefäß aufgefangen wurde. Seit einigen Jahren werden derartige Meiler gelegentlich bei Siedlungsgrabungen entdeckt und oft sind sie in das 10. bis 12. Jh. zu datieren. Immer mal wieder werden auch gleich mehrere beieinander entdeckt, eine Ballung wie die in Dallgow ist jedoch (bislang) einmalig. Felix Biermann und Studierende der Humboldt-Universität, die zusammen die Auswertung des Platzes vorgenommen haben, fragen daher, ob nicht hier in Dallgow für einige Jahre Teer im Auftrag der Burgherren von Spandau produziert wurde. Abgerundet wird die solide Vorlage der Funde und Befunde durch ein weiteres Lebensbild von Ottilie Blum, das die Brücke von der nüchternen Schilderung in den damaligen von körperlicher Arbeit bestimmten Alltag schlägt.

Unbedingt zu erwähnen ist noch, dass auf dem Fundplatz zudem interessante Besiedlungsspuren der Eisen- bis Völkerwanderungszeit ausgegraben wurden, zudem aber auch Siedlungsspuren einer randlich zum Dorf gelegenen hoch – bis spätmittelalterlichen Siedlungsstelle (vielleicht eine Kossätenstelle?). Letzteres ist eine wichtige Ergänzung des gerade in Brandenburg bereits sehr weit fortgeschrittenen Kenntnisstand zum mittelalterlichen Dorf. Auch wenn der Band von der Aufmachung puristisch ist – keine Farbabbildungen, mäßige Druckqualität –, bietet er anregendes Material, für die weitere Untersuchung.

Felix Biermann (Hrsg.), Dallgow im Havelland. Materialien zur Archäologie in Brandenburg 7 (Rahden/Westfalen 2012).

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